Sonntag, 11. Dezember 2011

Da wird der Elefant in der Schlange verrückt


Ein Monat ist vergangen. Nach Markus' Rückkehr aus Deutschland begann der Endspurt für die Vorbereitung des Weihnachtsbasars der deutschen Gemeinde. Am Tag danach dann gleich die Abfahrt in den Urlaub, zunächst nach Panajachel an den Atitlan-See.
Das besondere an Panajachel ist, dass man sofort alles vergessen muss, was einen beschäftigt, weil das Gehirn die gesamte Kapazität braucht, um eine einzige Information zu verarbeiten: Den Anblick des Sees mit den Vulkanen dahinter. Und dieser Anblick ändert sich ständig: Mal scheint das Ufer ganz nah zu sein, in der klaren Morgenluft mit den schrägen Schatten, die Konturen zum Greifen nah, vormittags ziehen Wolken auf halber Vulkanhöhe auf und lassen sie plötzlich doppelt so mächtig erscheinen. Gegen Mittag wird es etwas diesig, das andere Ufer rückt in unerreichbare Ferne wie ein märchenhaftes Land, der See dazwischen wird riesengroß. Nachmittags dann die wechselnden Farben des Abendlichtes, ein früher Mond, Sterne. Als ich das zum letzten Mal gesehen hatte, war ich gerade 30 Jahre alt geworden.
Sicht über den Atitlan-See von Panajachel aus. Vor über 70 Jahren stand hier auch Antoine de Saint-Exupéry. Der Cerro de Oro ist hinter der Laterne versteckt.

Im Januar waren wir schon einmal am Atitlan-See, allerdings an der anderen Uferseite. Das Gute ist hier zu nah, man kann es nicht sehen. Schön ist es dort trotzdem. Damals (18.1.) berichteten wir über einen Berg, den wir erklommen hatten, den Cerro de Oro, der verblüffende Ähnlichkeit mit einem von einer Schlange verschluckten Elefanten hatte, wie ihn der Erzähler in Saint-Exupéry’s  „Der kleine Prinz“ gezeichnet hatte. Ein hübscher Zufall – ein Schild der Konrad-Adenauer-Stiftung machte darauf aufmerksam.
Aber was sagt Ihr dazu: Der Autor des Kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, kannte diesen Berg. Er war nicht nur über der Sahara abgestürzt (1935, das gilt als größter Einfluss für die Geschichte), sondern auch einmal in Guatemala, 1938, bei einem Rekordflugversuch von New York nach Feuerland. Er wurde schwer verletzt und erholte sich in Antigua Guatemala. Von dort unternahm er auch Reisen an den Atitlan-See. Und er zeichnete viel in dieser Zeit.
Cerro de Oro im Morgenlicht vor den
Vulkanen Toliman und Atitlan
Bestimmt hat er sich die Geschichte von der Schlange und dem verschlungenen Elefanten beim Anblick dieses Berges ausgedacht. Aber wer weiß das schon? Wenn man bei google "Cerro de Oro" und "The Little Prince" eingibt, kommt man auf drei Einträge. Das wird wahrscheinlich der vierte.

Und überhaupt Antigua…? Hatten wir es nicht in unseren ersten Postkarten so beschrieben: „Antigua ist von drei Vulkanen umgeben, einem aktiven und zwei erloschenen“? Auf seinem Asteroiden, sagt der kleine Prinz, gäbe es „drei Vulkane“, zwei aktive („sehr praktisch zum Eierkochen“) und einen erloschenen. Fünf Jahre bevor er das Buch schrieb, lebte er in Antigua. Und noch etwas – mehr an den Haaren herbeigezogen vielleicht. Erinnert ihr euch an die Geschichte mit den Affenbrotbäumen? Das Schaf (in der Kiste) sollte mit auf den Planeten, um die jungen Affenbrotbaumtriebe  zu fressen, die die größte Bedrohung des Asteroiden darstellten. Affenbrotbäume gehören zu Unterfamilie der Wollbaumgewächse, zu der auch die Ceiba zählt, der guatemaltekische Nationalbaum.
Von der anderen Seite, Aufnahme vom Januar
Das alles diskutierten wir gestern mit Freunden, die auch schon davon gehört hatten, am Kaminfeuer bei einem Schluck alten Ron Zacapa. Sie fanden das leider nicht ganz so aufregend wie ich – oder sie haben einfach nur schon zu oft darüber geredet.
Am 16. November erschien „Der Kleine Prinz“, der in über 240 Sprachen übersetzt ist, auf K’akchiquel, der ersten Maya-Sprache. (Es gibt auch 47 verschiedene koreanische Versionen.) Die meisten K’akchiquel-Sprecher leben - zwischen Antigua und dem Atitlan-See. Vielleicht fängt einer von ihnen mal an, die Wikipedia-Einträge zu ergänzen und ein kleines Büchlein darüber zu schreiben.

Montag, 7. November 2011

Und mittendrin Cottbus

"Das Heilmittel ist schlimmer als die Krankheit." - Wer weiß, ob die Ärztin von Ernst Francis Bacon gelesen hatte, bevor sie vorschlug, seine Medikation abzusetzen. Markus' Vater geht es jetzt sehr schlecht - die Krankheit war wohl doch schlimmer als die Heilmittel.
Markus fliegt morgen (8.11.) nach Berlin und fährt von dort für eine knappe Woche nach Cottbus. Am Montagabend dann zurück Berlin und von dort Dienstagfrüh (15.) nach Guatemala.
Die Handynummer ist die alte.

Nachtrag, 10.11.11
Markus' Vater ist heute Nacht im Krankenhaus in Cottbus verstorben. In einer Woche wäre Ernst Böttcher 77 Jahre alt geworden. Die Beerdigung wird am Montag stattfinden.


Fotos von Allerheiligen in Guatemala

Montag, 24. Oktober 2011

Die Ablesemarke glücklicher Planeten


Messgeräte sind überall, wo man hinschaut. Man muss gar nicht auf die Straße gehen und das von der Konrad-Adenauer-Stiftung suchen. Sogar der Tropenspiegel hat eines und damit soeben den 3000. Seitenbesucher gemessen. Herzlich Willkommen!
Neulich haben wir geschrieben, dass Guatemala das Schlusslicht der Lateinamerikanischen Demokratieliga ist, das hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung gemessen (12.10.). Am Tag darauf kam die frische ZEIT aus Deutschland angeflattert - sie braucht ungefähr 10 Tage über den großen Teich - und setzte unserer neuen Messgeräteaufmerksamkeit neue Maßstäbe. Wie kann man den WOHLSTAND von Ländern messen, war die Frage. 1. Vorschlag: nach dem Bruttosozialprodukt , 2. Vorschlag: nach der Verteilung von Reichtum (Gini-Koeffizient), 3. nach Bildung und Lebenserwartung (HDI), 4. nach dem ökologischen Fußabdruck und 5. nach dem HPI, dem Happy-Planet-Index, der Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit ins Verhältnis zum ökologischen Fußabdruck setzt.
Wohlfühlcafé in Guatemala-Stadt
Der fünfte Vorschlag gefiel uns von Anfang an. Das Messgerät steht im Südosten Londons, in der Jonathan Street, bei der Londoner New Economics Foundation.  Bei dieser Messung schneidet ein Land besonders gut ab, "in dem die Menschen viele glückliche Lebensjahre mit möglichst geringem Umweltschaden verbringen". (ZEIT)

Unglaublich aber wahr, Guatemala ist auf Platz vier. VIER. Aber nicht der Lateinamerika-Liga, sondern der Welt-Liga. Auf den ersten 10 Platzen befinden sich 9 mittelamerikanische und karibische Staaten, angeführt von Costa Rica. Sogar Kuba! Auf Platz 7! Deutschland auf Platz 51, USA 114. Ganz unten die afrikanischen Staaten. Es ist anzunehmen, dass diese Messung Schwächen hat, auch wenn sie sehr vernünftig klingt.

Woran merkt man, dass der Planet glücklich ist in Guatemala - außer an Zeitampeln und Wohlfühlparkhäusern (8.9.)? Wo's doch mit der Demokratie so schlecht aussieht? Ein Versuch der Erklärung:
1. Alle Menschen sind immer nett. Diskussionen und Streit werden notfalls gewaltsam unterbrochen.
2. Der kubanische Rum kostet 5 €/Flasche
3. Der chilenische Wein kostet 2,70 €/Flasche (z.B. Gato Negro Carmenère)
4. Es gibt riesige Stoffläden mit professioneller Bedienung (Filz  1 €/Meter)
5. Frauenhilfsnähereien nähen einem, was man will.
6. Die Landschaft ist überwältigend.
7. Alle, die wir kennen, sind wahnsinnig hilfsbereit.
8.  Überall wird einem die Tür aufgehalten.
9. Die Brubeck Brothers spielen hier.
10. Alle Frauen tragen Stöckelschuhe. Man sollte nicht glauben, wie gut das aussehen kann.
11. Die Leute sprechen das beste Spanisch der Welt.
12. Jeder hat deutsche Vorfahren.

Lassen wir das mal so stehen. Die nächste Messung kommt bestimmt. Und dann sieht wieder alles anders aus.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ungerade Taktarten


[en que se trata de lo que la "Fundación Konrad Adenauer" considera "democratico", un concierto de los hermanos Brubeck  y los logros de Laurenz en esta estación lluviosa.]
1990 in Kuba
Wenn man aus unserem Haus tritt, nur wenige Meter weiter rechts, steht ein riesiges Messgerät. Es misst bei Tag und bei Nacht und doch kann man es nicht sehen. Denn es misst keinen Regen (da hätte es viel zu tun), keine Temperaturunterschiede (da hätte es wenig zu tun), und auch keine Geschwindigkeitsüberschreitungen (überall sind Túmulos - Verkehrshügel). Nein, das Messgerät steht im Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Und es misst die Demokratie. Jedes Jahr wird ein Bericht veröffentlicht, in dem geschrieben steht, wie es mit der Entwicklung der Demokratie in Lateinamerika aussieht. 
Für Guatemala haben sie jetzt "Platz 18" gemessen, mit 1.9 Punkten. Das ist der letzte Platz, wie in der Bundesliga.  Kann man als Land  in eine andere Liga "absteigen"? Den ersten Platz hat Chile, mit 10 Punkten. Alles paletti in Bezug auf "Respekt der politischen Rechte und Freiheiten", "Qualität der Institutionen und politische Effektivität" und "effektive Regierungsmacht". Vor 18 Jahren haben wir noch in Chile gelebt - heißt das, das wir uns in jedem Jahr um ein Land verschlechtern? Bodensatz auch die Länder der "Achse des Sozialismus".  Bolivien steht noch am besten da (3,3), Venezuela ist mit 2,46 Punkten noch einen Hauch vor Guatemala, also ebenfalls ein Abstiegskandidat. Wie Ecuador, El Salvador und die Dominikanische Republik. Und wo ist - Kuba? "Unvergleichlich", sagt die Konrad-Adenauer-Stiftung. "Vor 50 Jahren abgestiegen in das Reich der Unvergleichbarkeit und nie wieder auferstanden." Ferner fehlt in der Auflistung "Haiti", weil die Signale von dort zu chaotisch sind, um sie zu messen.
So alt wie die kubanische Revolution
Hätte die KAS "Preiswerte kulturelle Angebote" als Richtlinie, würde sich Guatemala vielleicht nicht so weit unten befinden. Nach einigen Theater- (5 €) und Jazzabenden (4 €), waren wir in der letzten Woche bei einem Konzert der Brubeck Brothers, der Söhne von Dave Brubeck im Auditorium der Francisco Marroquin-Universität (18 €). Ein schönes Konzert, dass etwas zu sehr vor sich hingeplätschert wäre, hätte es da nicht die Vorliebe von Dave Brubeck für ungerade Taktarten gegeben. Im zweiten Teil spielten sie Blue Rondo A La Turk (9/8) und ganz zum Schluss - endlich - Take Five, im 5/4-Takt. Sohn Dan ist Schlagzeuger geworden, und so konnten wir zum ersten Mal live das Stück so hören, wie es ursprünglich gedacht war, mit dem Schlagzeug als prominentem Instrument.   "Take Five" war 1959 geschrieben und 1960 aufgenommen worden und wurde eines der populärsten Jazz-Stücke überhaupt. Es hätte die Begleitmusik zur kubanischen Revolution sein können.

Weinverkostung am 3. Oktober.
Währenddessen regnet es draussen weiter. Es regnete auch bei unserer Feier zum 3. Oktober. (21 Jahre!)
Es wird noch eine Woche regnen, danach ein halbes Jahr nicht mehr. Ein komischer Takt auch das. Nichtsdestotrotz war es eine großartige Regenzeit für Laurenz, denn er hat Fahrradfahren und Schwimmen gelernt, obwohl er erst viereinhalb ist.
Dreimal am Tag fragt er außerdem "Mama, wie geht's Dir?", weil man das hier halt so fragt. Ophelia und Mathilda steigen unbemerkt in die spanischsprachige Welt ein. Neulich hatte Ophelia "Deutsch-Hausaufgaben" auf und ich sah, wie sie schrieb: "El arbol tiene cerezas rojas" (Der Baum hat rote Kirschen.) Ophelia? "Ach nee, ich meinte, 'Spanisch-Hausaufgaben'".

Samstag, 10. September 2011

Der Tod und der Sänger


„Schreib mal schnell den Namen auf!“, seit Tagen waren wir an Plakaten vorbeigefahren, die ein Konzert ankündigten. Facundo Cabral, der Name sagte uns nichts, war auch schwer zu merken, aber der alte Mann sah gut aus. Zuhause, auf youtube, hörten wir ein Lied von ihm: No soy de aqui, no soy de allá, vom Anfang der 70er Jahre. Klang interessant, der Mann schien Kult zu sein, aber der Termin war ungünstig. Wir verschoben die Entscheidung, vergaßen es dann und hofften auf ein Konzert im nächsten Jahr.
Ich bin nicht von hier, ich bin nicht von dort. Ich habe kein Alter und keine Zukunft. Und Glücklichsein ist die Farbe meines Wesens.
Die Samstage beginnen bei uns meist so früh wie die Arbeitstage. Ophelia und Laurenz stehen kurz nach 6 auf und wollen irgendetwas essen. So auch am Samstag, den 9. Juli. Ich quäle mich aus dem Bett, mache Herzcornflakes (von Quaker) und öffne am Rechner die Titelseite der Tageszeitung, Prensa Libre.  Es ist 6:26. Während ich verschlafen auf den Ticker-Kasten starre, der meist mit Toten und Verunfallten der letzten Nacht und Informationen über die Juniorenfußballnationalmannschaft gefüllt ist, poppt eine neue Nachricht auf: „6:28 Facundo Cabral auf dem Weg zum Flughafen erschossen“.
Ich bin gerne der Freund der Diebe und liebe französische Lieder.
Die meisten guatemaltekischen Morde finden im Rahmen von Erpressungsversuchen in den ärmsten Stadtvierteln statt.  Das ist schrecklich, aber weit von unserer Realität entfernt.
Ist doch alles möglich?
Wenn ich die Zeitung im Internet lese, dann immer auch die Kommentare zu den schlechten Nachrichten, die stets voller Selbsthass sind: „Ja, so sind wir Guatemalteken.“  „Wir haben es nicht anders verdient.“  Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung der Meldung begann ein Menschenstrom zum Ort des Unfalls, wo das Auto mit dem Sänger noch stand. Manche hatten ihre Gitarren mitgebracht und sangen sein berühmtestes Lied.  Ein paar Händler, Bauern, Waschfrauen – Leute, die eben grad dastanden, sangen mit. Sie kannten den Text der Strophen nicht gut, schnappten aber immer irgendwelche Worte und Zeilen auf. Alle guatemaltekischen Fernsehkanäle waren vor Ort. Eine Frau saß auf der Straße und schrieb einen Brief. Man kam aus dem Heulen gar nicht mehr heraus.
Mir gefällt der Wein ebenso wie die Blumen. Mir gefallen die Liebenden, aber nicht die Herren.
Nachdem der erste Schock überwunden war, war die wichtigste Frage der Medien: „Wie steht Guatemala jetzt da?“ „Wir haben ihn getötet.“ „Überall wird man uns hassen.“  Der einzige Unterschied zu sonst aber war, dass dieser Tod absolut keinen Sinn hatte. Niemand konnte sich einen Reim drauf machen. Wer sollte davon profitieren?  Einen 74jährigen Alten zu töten? Aber hatte er nicht am Ende des letzten Konzerts gesagt: „Jetzt komme, was wolle. Gott weiß schon, was er tut“?
Es gefällt mir von Balkonen zu springen und Fenster zu öffnen. Und die Mädchen im April.
Am Ende machte doch alles Sinn. Wie sich herausstellte, war Facundo Cabral, anstatt auf sein eigenes Taxi zum Flughafen zu warten, spontan in das Auto seines nikaraguanischen Konzertveranstalters gestiegen, ein 40jähriger mit Nachtclubs in ganz Zentralamerika und einigen Feinden. Das war das Todesauto, lange geplant von einem von ihnen aus Costa Rica. Auf dem Weg zum Flughafen sollte er sterben. Aber der Konzertveranstalter überlebte schwerverletzt. Wer starb, war Facundo Cabral. Und Guatemala war für ein paar Stunden Gesprächsthema in der Welt.

Donnerstag, 8. September 2011

Zwischen Mittelalter und dreidimensionaler Werbung


Am Sonntag sind Wahlen
Manchmal erlaubt einem die Stadt Einblicke in die Vergangenheit und in die Zukunft. Während über die Plaza Central ein Hirtenjunge seine Ziegen treibt, ein anderer Eisblöcke abgereibt und den Schnee mit Sirup zu Wassereis verarbeitet, gibt es  in den Zonen südlich davon einige Neuerungen  im Straßenverkehr zu bestaunen, die man sich auch für Berlin wünscht. Die Ampel mit Zeitanzeige ist davon die beste. Anfangs erschien sie mir eher wie ein Spielzeug. Aber welch beruhigenden Einfluss sie auf das Gemüt des Autofahrers hat, habe ich erst mit der Zeit erfahren! Wäre ich in Berlin 200 Meter vor einer grünen Ampel würde ich in jedem Fall beschleunigen. Sie mag dann trotzdem vorher rot werden oder noch fünf Minuten grün bleiben.  Hier natürlich nur, wenn es sich lohnt. Auch kein Problem, wenn die Ampel rot ist! Anzeige: 47 Sekunden! Da kann man noch einen Schluck aus der Wasserflasche nehmen und das Handy in der Tasche suchen und den Stadtplan auf der richtigen Seite aufschlagen ohne zu befürchten, dass die Autos hinter einem anfangen zu hupen.

Die Oakland Mall, in die wir des Öfteren ins Kino gehen (und wo es ein Restaurant inmitten eines Aquariums gibt), hat eine mehretagige Tiefgarage. Nicht nur, dass es auf jeder Etage eine Anzeige gibt, wie viele freie Parkplätze dort sind, auch der Anfang jeder Parkreihe zeigt die Anzahl der darin befindlichen freien Parkplätze an.
Ins Fischrestaurant ohne Parkplatzprobleme
Außerdem hat jeder einzelne Parkplatz ein Lämpchen, das grün oder rot leuchtet, so dass man, wenn man in die Parkhausetage fährt, schon von weitem sieht, wo es sich lohnt, hinzusteuern.  Das gibt’s bestimmt auch in Berlin bald. Aber auf eine andere angenehme Verkehrsbeeinflussung werden wir in Berlin, wegen der Tarife im Öffentlichen Dienst, ewig warten müssen: Heere von miteinander verkabelten Verkehrspolizisten, die sich zu den Rush-Hours auf die Straßen stellen und bei Bedarf Vorfahrtsregeln ändern, Ampelphasen verlängern und sogar spontan die Spuranzahl mithilfe von Plastiktonnen erhöhen oder verringern um Knoten aufzulösen.

Das hilft, die irritierenden Dinge besser zu ertragen: Dass Blinken vor dem Spurwechsel nur einen vagen Wunsch ausdrückt, nur bloße Spielerei ist und nie dazu führen würde, dass die Autos auf der Nebenspur einen Raum öffnen. Wer unbedingt in die Nebenspur will, lässt das Fenster etwas herunter und wedelt mit der Hand, so als würde es den Blinker gar nicht geben. Deshalb blinkt auch niemand. (Die feineren Herrschaften wedeln natürlich nicht mit der Hand, die drängen einfach rüber in die andere Spur.)  Gerät man in einen Stau kann es passieren (ist aber noch nicht), dass ein junger Mann am Fenster klopft und um Herausgabe von Portmonnaie und Handy bittet. Das sollte man dann auch tun. Natürlich hat man für diesen Fall Sachen zum „abgeben“ im Auto, aber einen grässlichen Schrecken bekommt man trotzdem.

Ein unsinniger Trend, der bestimmt auch nach Berlin kommt, ist die dreidimensionale Werbung. Die große Tasse auf der Nespresso-Werbetafel dampft wirklich, das Johnny-Walker-Whiskyglas wird ständig geschüttelt, eine riesige Vinylschallplatte dreht sich ständig auf einer Pepsi-Werbung. Alle Werbeflächen scheinen mit Motoren verbunden zu sein – und das bei Energiepreisen wie in Berlin.
Den Jungen mit den Ziegen interessiert das nicht. Er ist aufgestanden, spricht mit dem Eisschaber, bekommt ein kleines Eis und geht langsam nach Hause.

Freitag, 29. Juli 2011

Einen Lutherkeks für den Bischof

Drei Juni-Tage in San Salvador

1

Der Weg ist neu, darum fahren hier so wenig Autos, sagt unsere Begleiterin. Wir fahren in zwei PKWs bergan, wo der Stadtrand einen schönen Blick zum Meer zulässt. Vier Erwachsene, drei Kinder. Wir haben überlegt, wie unsere Kinder auf den Ort reagieren würden: auf die schwerstbehinderten Kinder im Alter von Laurenz, Ophelia und Mathilda: was würden diese in jenen an Ebenbürtigem wiedererkennen können? Da, ein Schild, es steht in Richtung entgegengesetzte Spur, alte Straße, wir fahren vorbei, bremsen, drehen uns um: Zum Hogar Padre Vito Guarato, das ist es. Der Wächter lässt uns hinein.

Erster Eindruck: Ein Ort der Ruhe und der Ordnung. Eine kreisförmige Anlage, hellgelb verputzte Häuser versammeln sich um eine Kapelle. Eine Ordensschwester, vielleicht die Oberin, empfängt uns. Es ist so still. Wo sind die Kinder? Draußen beim Abendbrot. Wir folgen der Schwester, aus einem Fenster kommt ein starker Geruch von Fäkalien – welcher Bewohner kann eigentlich allein zur Toilette gehen? Später werden wir wissen: Fast keiner. Draußen herrscht unter einem Wellblechdach munteres Treiben.

Große und kleine Kinder, sitzen, zumeist in Rollstühlen, an Tischen. Was heißt hier: Kinder? Die Grenze zum Erwachsensein ist ins fast Unendliche verschoben, sie ist aufgehoben, in beide Richtungen offen: Viele sind zu alt, um wie Kinder auszusehen und zu wenig entwickelt, um als Erwachsene zu gelten. Und was heißt essen? Für viele hier eine große innere Anstrengung, die nicht ohne äußere Hilfe vor sich geht. Große Menschen mit Kleinkindmanieren werden hier gefüttert. Manche müssen warten, es gibt nicht genug Pflegerinnen oder Schwestern, sie schauen uns an, jubeln uns ungelenk zu. Laurenz versteckt sich hinter meinen Beinen, Ophelia schließt die Augen: Ich möchte keine blöden Träume haben. Kommt, wir gehen dorthin, zu dem ruhigen Spielplatz. Ein großer Junge rennt auf der Wiese herum, rennt und rennt. Er kann nicht eine Minute sitzen oder stehen, sagt die Oberin.

Wir gehen in den Saal der Säuglinge. Unsere Kinder bleiben lieber draußen. Der jüngste Säugling ist um die sechs Monate alt und wird Unser Prinz genannt. Er räkelt sich im Rollstuhl, erfreut über die Aufmerksamkeit der Oberin. Kein Kind hier kann sich einen Schritt allein bewegen. Ich finde auch noch eine Prinzessin, über ihrem Rollstuhl hängt ein Schild: Ana Guadalupe. Lupita genannt. Sie ist so alt wie Mathilda und kann ebenso süß lächeln. Mehr als ein Lächeln ist Lupita nicht zu entlocken, keine Worte, keine Bewegungen. Aber in diesem Lächeln breitet sie vor mir ihr liebenswertes Wesen aus, sie braucht keine Worte. Lange sitze ich neben ihr, während sich der Rest mit dem Prinzen beschäftigt, und wir schauen uns an. Diesen Blick – ich wusste gleich, dass ich ihn nicht vergessen werde. Ist die Liebe der Schwestern gerecht verteilt? Mir würde die Verteilung verdammt schwer fallen.

In der Kapelle riecht es nach Limonade. Das ist das Wischmittel, sagt Cristina. Die Abendsonne macht den Raum warm. Da stehen Mikrofone und ein Schlagzeug links vom Altar. Ein Bewohner hier kann gut den Rhythmus machen, während drei Schwestern vorsingen. Ihr solltet mal erleben, wie unsere Kinder hier im Gottesdienst mitsingen, eine hier kann alle Lieder auswendig. Und wie ruhig sie werden. Viele dieser Kinder sind einmal in einer Kirche abgegeben worden, manche wurden auch im Müll gefunden. Nun ist die Kirche ihr zu Hause, der Müll soll es niemals werden.

Wir wollen, wie schon so oft, am nächsten Tag im evangelischen Gottesdienst für den Hogar Padre Vito Guarato sammeln. Das gut angelegte Geld reicht hier hinten und vorne nicht, vor allem brauchen sie mehr Personal. Und da ist ein Junge, der sehr, sehr dünn ist, weil ihm das Essen in die Nase rutscht. Er braucht eine OP, die ihm den offenen Rachen schließt. Schön, wenn’s dafür einen Spender gäbe.

2

Wir durchqueren die ganze Stadt zur Kirche, es ist Sonntagnachmittag. Durch das große Altarfenster der Union-Church schaut der Vulkan herein. Wir schauen auf den Altar, der, von hinten mit Fächern versehen und reich verziert, wahrscheinlich ein viktorianischer Schreibtisch ist. Über den Altar hinweg geschaut, breitet sich vor uns die nördliche Umgebung der Hauptstadt aus. Ich prüfe das Klavier, es stimmt, aber scheppert leicht. In der Sakristei liegt ein Buch über Dietrich Bonhoeffer. Der von den Nationalsozialisten hingerichtete Theologe verbindet England (wo er als Pfarrer tätig war), Amerika (wo er in den USA Vorlesungen gab) und Deutschland, die Heimat.

Der Gottesdienst beginnt mit Claus Welzel, der ein Talent zur Begrüßung hat. Nicht nur er staunt über die vielen Menschen, die Kirche ist gut gefüllt. Auch Leute, die nicht zur kleinen lutherischen Gemeinde gehören, sind gekommen. Nach der Nacherzählung der Geschichte vom Turmbau zu Babel geht Katrin mit sechzehn Kindern hinaus, um später mit ihnen und zwei bunt beschriebenen Plakaten zurückzukommen. Die Gemeinde singt gut, auch ohne Klavier. Am Ende, während der Vulkan langsam in der Dämmerung verschwindet, lädt Christiane Jaspersen die Gemeinde zu Cola und Salzbrezeln ein. Eigentlich schade, dass es so ein Treffen nur einmal im Monat gibt.

3

Am Montagmorgen sind wir im Büro des Bischofs der Lutherischen Kirche El Salvadors. Mit Helmut Köhler, der in dieser Kirche wie auch in unserer Gemeinde, besser gesagt in beiden Welten, zu Hause ist, und Rolf Kappler aus unserer deutschen Gemeinde, der zu Gomez schon in der Zeit des Bürgerkrieges Kontakt hatte, in einer Zeit also, in der die Mitgliedschaft, ja selbst der Kontakt zu dieser Kirche ein lebensgefährliches Politikum sein konnte.

Zum Büro geht man durch die Kirche, die vorher eine Lagerhalle war, was man immer noch deutlich sieht. Es ist sehr klein und sieht wenig repräsentativ aus. Einzig an der Wand hängt ein dreiteiliges Bild, Christus in der Mitte am Kreuz, rechts in einer Gruppe von Menschen der Bischof. Ich bin gerade dabei ein Foto davon zu machen, da tritt Gomez ein. Er ist herzlich, gelassen und hat sich auf dieses Gespräch vorbereitet. Er spricht von der Zeit, als in der Kirche Bürgerkriegsopfer Zuflucht suchten und die Pfarrer dadurch in die Schusslinie der Militärs kamen, als er selber Todesdrohungen erhielt und sogar auf das Haus von Rolf Kappler geschossen wurde.

Die lutherische Kirche und die deutsche Gemeinde repräsentieren bis heute zwei Welten. Aber um das Trennende ging es nicht. Am Ende des Gesprächs, in der Kirche wartete man schon auf die Andacht des Bischofs, stellten wir uns in dem kleinen Büro in einen Kreis, die Salvadorianer – zwei seiner Mitarbeiter kamen noch dazu - und wir Deutsche. Wir hielten uns an den Händen, in der Mitte war das Gebet, das uns über uns selbst und über alles, was uns voneinander trennte, hinaushob. Im Gebet verbunden, niemals vorher habe ich das so deutlich empfunden.

Ich hatte ein klitzekleines Geschenk für den Bischof mitgebracht: einen Keks. Auf der Vorderseite aus Marzipan die Lutherrose, hergestellt im Café Zürich. Die Lutherrose, das Siegel Martin Luthers, spielt in den amerikanischen lutherischen Kirchen eine große Rolle, sie ist überall dabei. Gelacht hat er, als er den Keks bekam. Gott sei Dank!

Auf unserer Weiterfahrt musste ich noch oft an die drei Orte – das Heim, die Kirche mit dem schönen Ausblick und das Bischofsbüro – und die Menschen darin denken.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Die Schatzinsel

„Am Fuße einer ziemlich hohen Föhre lag unter ein paar Kleiderfetzen ein menschliches Skelett, umrankt von einer grünen Schlingpflanze. Ich glaube, für einen Augenblick rührte ein kaltes Grauen an jedes Herz.“
Wir fahren die honduranische Karibikküste entlang und hören Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“. Laurenz‘ und Ophelias Augen werden immer größer. Auch wir werden morgen früh in La Ceiba auf ein Boot steigen und über das offene Meer nach Roatán fahren. Das ist eine berühmte alte Pirateninsel, deren Hauptstadt den merkwürdigen Namen Coxen Hole trägt.

24 Stunden später erholen wir uns von der unfreundlichen Überfahrt in der Hängematte vor unserer palmengedeckten Strandhütte. Doch noch bevor es ganz dunkel wird, liegen wir im weichen, hellblauen Karibikwasser. Auch die Luft ist blau. Die Lichter der Strandbars leuchten orange. Auch die der „Durstigen Schildkröte“, die zum Bananarama gehört. Die Leute hier sind meist dunkelhäutig und wechseln ständig vom Spanischen ins Englische und zurück. Sie machen tolle Cocktails, die viel leckerer sind, als die All-Inclusive-Mai-Tais vom Decamerone. Am nächsten Morgen, noch bevor die Taucher sich auf den Weg machen, packen wir unsere Schnorchelsachen und gehen den Strand entlang zu den Felsen. Als ich im flachen Wasser versuche, das Schnorchelrohr unter den Taucherbrillengummi zu schieben, kommt Ophelia schreiend zu mir gelaufen. „Ich weiß nicht, ob die Menschen fressen!“ ruft sie atemlos. Tatsächlich, um uns herum schwimmen viele kleine zebragemusterte Fische, so ähnlich wie die auf dem Foto. Sie verlieren ihr Interesse an uns und schwimmen zu Laurenz… Nur ein paar Schritte weiter breitet sich vor uns die ganze Pracht des mittelamerikanischen Riffs (mesoamerican reef) aus. Ein Überfluss an Korallen, blauen, roten und goldenen Fischen. Falterfische, die ein riesiges Auge haben, mit dem sie jeden Eindringling böse anschauen. (Bei näherer Betrachtung ist es allerdings nur ihr Schwanzflossen-Schmuck. Das eigentliche Auge ist viel kleiner.)

Was für ein Erlebnis! Selbst Ophelia taucht stundenlang mit ihrer kleinen Schwimmbrille. Laurenz baut Burgen zwischen Strand und Wasser. Vier Tage lang trocknen unsere Badeanzüge nicht. Wir essen wenig und werden auch im Wasser von der Sonne schokoladenbraun. Die Mittagshitze verbringen wir in unseren Betten. Abends laufen wir den Strand entlang zum nächsten Ort. Dann ist unser erster langer Urlaub zu ende. Am nächsten Morgen verlassen wir unsere Schatzinsel und fahren mit dem Schiff nach La Ceiba zurück. Noch eine Tagesreise bis zur alten Mayaruinen-Stadt Copán, 12 km vor der guatemaltekischen Grenze. Von dort noch 4 Stunden nach Hause.

Ein schönes neugebackenes, wohlgeschmacktes und honigsüsses Lied aus Schlauraffenland

Ich habe den Glauben an das Schlaraffenand verloren. An einem Mittwochnachmittag im All-Inklusive-Resort „Royal Decamarone“ an der Salvadorianischen Pazifikküste wurde mir klar, dass die Menschen in dem Land, wo Milch und Honig fließen, nicht glücklich sind. In meinem Bach fließt vielleicht die doofe LIDL-H-Milch und mein Nachbar hat die leckere Bio-Milch von glücklichen Kühen? Und Honig ist ja auch nicht gleich Honig! Vielleicht bekommt jemand Akazienhonig, der lieber Kleehonig mag und der gute Transfair-Honig aus Chile ist bestimmt ganz selten. Und von den gebratenen Hühnern, die in den Mund fliegen ganz zu schweigen! Alt und zäh die einen, die schon einen Tag lang auf der Suche nach einem Mund herumfliegen und frisch und knusprig das, das eben an meiner Nase vorbei zu meinem Nachbarn geflogen ist? Eine Riesensauerei ist das! Wahrscheinlich ist man den ganzen Tag damit beschäftigt, das Angebot zu beobachten und das Beste für sich zu schnappen.

So, wie die Leute hier am Strandresort von El Salvador, mit denen wir unsere allerersten All-Inklusive-Erfahrungen machen. „Baisers sind knapp, nimm gleich 20, Emilio!“ Unsere Kinder staunen den dicken kleinen Emilio an. Die Plätze in den Restaurants fürs Abendessen werden um 7 Uhr morgens an der Rezeption vergeben – eine Schlange von 20 Leuten wartet darauf, dass es endlich losgeht. Drei Tage lang lassen wir uns davon nicht stören, freuen uns über die Wellenbrecher am Privatstrand, wandern von Pool zum Meer und zurück; schwimmen und laufen Unterwasser auf Händen. Nachts sitzen wir auf dem Balkon, sehen stundenlang den Gewittern zu und lesen 3 Romane. Wir essen Obst und Gemüse und die Kinder, für die keine Baisers übrig sind, trösten sich mit Cornflakes und süßem Pampelmusensaft.




Ein schönes neugebackenes, wohlgeschmacktes und honigsüsses Lied aus Schlauraffenland
(um 1700)
12. Auch fliegen rum das möcht ihr glauben/
gebratne Vögel/ Gänß und Tauben/
und wer da ist so faule/
und solche selbst will fahen nicht/
dem fliegen sie selbst ins Maule.

Dienstag, 5. Juli 2011

Fahre niemals mit dem eigenen Auto nach Semuc Champey!

„Unser Auto hat keinen Vierradantrieb“, sagte ich zu dem Mann, der wie ein Inder aussah und auf der Veranda seines kleinen Hotels am Rio Cahabon saß. Fernöstlich war auch die Musik, die wir hörten. Der Mann strahlte eine Ruhe aus, die wir in diesem Moment nötig hatten und sagte: „Schaut, mein Auto dort hat auch keinen Vierradantrieb, und ich lebe schon lange hier.“ Das klang gar nicht vorwurfsvoll. „In zwei Stunden ist der Weg trocken und ihr könnt nach oben fahren.“ Sorgenvoll schauten wir zum Himmel. Am Morgen hatte es geregnet, jetzt war es halb bewölkt, ab und zu kam die Sonne heraus und trocknete die Straße, die in einer teilweise wahnsinnigen Steigung aus dem Tal herausführte. Zwanzig Minuten zuvor war unser Auto beim ersten Versuch jämmerlich den feuchten Betonweg rückwärts hinabgerutscht.

Wir aßen unser Mittagessen und fragten uns, jeder im Stillen, ob uns der Besuch von Semuc Champey wert gewesen ist, hier vielleicht noch einen oder zwei Tage festzusitzen? Ja, das war es. Semuc Champey, dort „wo das Wasser verschwindet“ in der Sprache derer, die es entdeckt hatten, bescherte uns das schönste Badeerlebnis, das wir je in der Natur hatten.

Wir waren am frühen Morgen dort, noch bevor die meisten NGO-Mitarbeiter und Weltenbummler, die sonst das Hotel am Eingang des Bades bewohnten, aufgestanden waren. Im Regen liefen wir auf befestigtem Weg zu den Becken; tief unter uns, hinter Bäumen und Felsen, musste der Rio Cahabon durch das Tal rauschen.

Als wir ankamen, hatte der Regen aufgehört und die Sonne schien auf die runden Kalksteinbecken und die kleinen Wasserfälle. Auf dem Wasser schwammen rote Blüten. Wir sprangen sofort hinein, stiegen und rutschten von Becken zu Becken, kletterten hinter die Wasserfälle in kleine vom Wasser geformte Höhlen, lachten und jubelten, als wären wir im eigenen Badezimmer. Wir waren noch die einzigen an diesem Ort und fühlten uns wie die ersten Menschen.

Semuc Champey ist eine natürliche, aus Kalkstein bestehende Brücke hoch über dem Rio Carabon. Das Wasser, das dort kaskadenhaft von Becken zu Becken fließt, kommt aus einem Nebenfluss. Irgendwo ganz weit vorn, hinter den letzten Becken, ergießt sich das Wasser in einem gewaltigen Wasserfall in den Hauptfluss. Wehe dem, der dort zu weit über den Beckenrand klettert, er wäre verloren.

Am Rande der Becken sahen wir nun doch Menschen: Arbeiter fischten Blätter aus dem Wasser. Die Sonne lachte, wir gingen zurück. Am Ausgang begegnete uns nach langer Zeit unser erstes Hinweisschild. Wir jubelten. Guatemala ist reich an Naturschönheiten, aber arm an Schildern. Um bis hierher zu finden, hatten wir viele Menschen nach dem Weg fragen müssen. Nun sahen wir: „Coban 67 km“. Zum Mittagessen sind wir dort, dachten wir. Bis der steile Teil des nassen Weges kam, an dem unsere Fahrt zunächst scheiterte.

„Wenn es jetzt noch mal regnet und wir hier festsitzen, dann bleiben wir eben noch zwei Tage.“ Der Gedanke erschreckte uns nicht. Aber es regnete nicht und der „Inder“ fuhr uns selbst in unserem Auto den steilen Weg nach oben. Geschafft. Später suchten wir noch einmal im Reiseführer nach Gefahrenhinweisen und fanden die Warnung, niemals mit dem eigenen Auto nach Semuc Champey hinunterzufahren. Man sollte doch genauer den Reiseführer lesen, wenn man Touren auf eigene Faust unternimmt.

Freitag, 24. Juni 2011

Besuch im Dschungel

Finca Tatín, Rio Dulce, 2. bis 6. Juni 2011

Meine Augen öffnen sich; ich sehe nichts. Absolute Finsternis, keine Straßenlampe scheint am Fluss, kein Mond leuchtet durch die Zweige der Bäume über unserer Hütte. Ich höre Schreie von Vögeln. Lange, getragene Laute, zwischen den Bäumen, deren dichte Dächer einen Hall-Raum bilden. Der Hall ist etwa so gut wie in einem leeren Konzertsaal. Eine guter Klang: er wird getragen unter den Kronen der Bäume und gleichzeitig vom Blattwerk gedämpft.

Ich nehme die Taschenlampe, schleiche mich vorsichtig aus dem Bett und gehe, die Treppenstufen beleuchtend, nach unten, raus aus der Hütte und die sieben Meter zum Fluss.

Über dem Tatín dämmert es schon. Ein Kanu fährt gerade vorbei, völlig lautlos. Zwei junge Frauen sitzen darin. Ich grüße, sie nicken mit dem Kopf. Sie fahren flussaufwärts. Dort ist eine Schule, wo Entwicklungshelfer und auch Freiwillige arbeiten. Die Frauen aus den Dörfern holen dort ein paar Jahre Schule nach und lernen, im Tourismus zu arbeiten. Ak‘denamit heißt der Verein.

Ich steige in den Fluss und schwimme in die Mitte. Merkwürdig: Oben, bei meinen Schultern ist das Wasser kühl. Unten, wo die Füße sind, ist es warm wie in einer Badewanne. Ich tauche zwei Meter tief und treffe auch herrlich warmes Wasser. An mehreren Stellen kommt heißes Wasser aus dem Boden des Flusses. Wenn Bewegung ist, mischt es sich, und der ganze Fluss erscheint warm zu sein. Ich habe mich nach dem Bad zum Lesen auf die Hängematte, die zwischen Steg und Fluss an zwei Bäume hängt, gelegt. Da kommen zwei Motor-Kähne vorbei. Auf jedem Kahn zwanzig junge Frauen in traditioneller Kleidung. Ich grüße, sie winken kaum, grüßen wenig. Sprechen sie kein Spanisch?

Wir wohnen in der Finca Tatín, und Enzo spielt dort das Äffchen. Er springt weit schwingend an einem langen Seil ins Wasser, schlägt dabei Saltos und macht wilde Tiere nach. Oder er hockt auf allen Vieren auf dem Steg und ist ein Hund. Laurenz hat vor echten Hunden Angst, vor Enzo nicht. Enzo macht für Laurenz den Therapeuten. Manchmal schimpft sein Vater Carlos mit ihm, weil Enzo keine Angst vor nichts hat. Der Junge des Chefs ist 11 Jahre alt und geht in Nebraska zur Schule, aber vier Monate im Jahr ist er im Dschungel-Hotel seines Vaters. Ob ihn seine Mitschüler in den USA darum beneiden?

An einem Tag gehen wir morgens zu den Paddelbooten. Sonnenmilch, Schirmmützen, Wasserflaschen, etwas Geld, Handtücher – alles dabei. Wir paddeln stromabwärts, den Tatín bis zum Rio Dulce, dann Richtung Meer. Haltet euch immer links, hatte Carlos gesagt. Links, da werden die Felswände immer höher, manchmal sind unten kleine Öffnungen im Fels, in einer hätte ich mich mit dem Boot gut verstecken können. Bäume mit Lianen und Felsen geben uns Schatten. Ab und zu stößt ein Vogel aus dem Dickicht, andere wiederum bleiben gelassen sitzen. Wir singen Wanderlieder, wir kommen gut voran. Die Sonne sticht trotzdem unbarmherzig.

Da, plötzlich ist vorn keine weitere Windung des Flusses zu sehen, sondern das Meer! Sei gegrüßt, Karibik! Jetzt fahren wir nicht mehr an Felswänden, sondern an Häuser- und Schiffswänden vorbei; ab und zu ist es auch ein Wrack. Immer links, wir steuern Livingstone an. Unsere Paddelboote lassen wir im „Bugamama“, vermutlich dem besten Restaurant. Wir wandern bei sengender Hitze durch den Ort.

Livingston/ ciudad porteña/ eres la dueña /de mi canción.

Livingston/ son tus morenas/ lindas sirenas/ que vierte el mar. - Livingston, Hafenstadt, du beherrscht mein Lied. Livingstone, deine Mulattinnen, schöne Meerjungfrauen, die das Meer anschwemmt…

Wir haben sie nicht gesehen. Entweder gingen sie gerade zur Schule von Ak’denamit oder reiche Nordamerikaner hatten sie von hier weggeheiratet. Im heißen Livingston fanden wir viele arme Männer, die am Hafen saßen und auf irgendetwas warteten. Wir fanden ältere Frauen, die mit stolzem Gang und Kleidern aus den 50er Jahren die Straße entlanggingen; sie hatten wohl bessere Zeiten von Livingston erlebt.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Sich qualifizieren

"Eher hört die Gewalt in Guatemala auf, als dass wir uns für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren“, ist eine der populären Kamel-Nadelöhr-Variationen hier im Land. Schon am 2. Tag des Sprachunterrichts hatte mir mein Lehrer (32 Jahre alt) gesagt, er hoffe, eine Qualifikation würde noch vor seinem Tode stattfinden. Zugegeben, die CONCACAF (Nord- und Zentralamerikanische und karibische Fußballkonföderation) ist nicht die leichteste Gruppe, denn es kommen normalerweise nur drei Mannschaften weiter, wobei die USA und Mexiko quasi gesetzt sind. Aber Honduras konnte es auch und Costa Rica. 2006 sogar Trinidad & Tobago!
Warum qualifiziert sich das Fußball-Land Guatemala nicht? Im Zweifelsfall lässt sich immer alles mit Korruption erklären. „Ach der mit den langen Haaren – so wie der den Ball neben das Netz gesetzt hat – den haben sie doch gekauft.“ Man fühlt sich ein bisschen in die DDR zurück versetzt und freut sich über die Sicherheit, mit der sich die deutsche Mannschaft immer wieder für alles qualifiziert.

Der Politiker Manuel Baldizón, ein relativ ernstzunehmender noch dazu, versprach Anfang März bei einer Wahlveranstaltung vor tausenden von Jugendlichen: „Wenn ich Präsident werde, wird sich Guatemala für die Fußball-WM qualifizieren.“ Ach, war das herrlich. Man sah noch tagelang Leute kopfschüttelnd mit Tränen in den Augen vor Lachen in ihren Autos sitzen. An was für verrückte Versprechen hatte man sich schon gewöhnt: "Arbeit für Alle", "Wohlstand für Alle". Und immer wieder ein "Ende der Gewalt". So mancher begann zum ersten Mal über den Sinn von Wahlkampfversprechen nachzudenken.

Eines Nachts Anfang April, wir wollten gerade ins Bett gehen, hörten wir einzelnes Gehupe am nahegelegenen „Obelisco“, einem der Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Innerhalb von wenigen Minuten schwoll es zu einem tausendstimmigen Hupkonzert an. „Klingt wie Deutschland-England 2010 am Kudamm.“ Laptop auf, Zeitung online aufgeschlagen: soeben hatte sich die U-20-Mannschaft Guatemalas durch einen 2:1-Sieg gegen die USA für die Junioren-Fußball-WM qualifiziert. Die Reaktion hätte nicht gewaltiger sein können, wenn es die Alten gewesen wären. Stundenlang bis in den frühen Morgen zogen die Autos hupend um den Kreisverkehr, das Thema bestimmte die Titelseiten für mehrere Tage.

Am Tage der Auslosung dann für uns die Überraschung: Wann kommt das Los mit der deutschen Mannschaft? Wird sie gegen Guatemala spielen? Wie jetzt --- nein, das letzte Los war auch nicht "Deutschland". Deutschland hatte sich einfach nicht qualifiziert.

Anfang Juni wurde die bedeutendste Zeitung Guatemalas 60 Jahre alt. Sie schaltete eine Werbeplakat-Serie mit Fotos von Leuten und der wiederkehrenden Aussage „Mit Prensa Libre erlebte ich…“ und dann abwechselnd –
„... die Landung auf dem Mond“,
„... den Einsturz des World Trade Centers“,
„... die Unterschrift unter das Freihandelsabkommen“
– und natürlich „... die Qualifikation der Sub-20 für die Fußball-WM“.

O-Ton Qualifikation, letzte Sekunden des Spiels

Dienstag, 14. Juni 2011

Mexikahlo

Ungefähr alle 10 Jahre taucht die Malerin Frida Kahlo unerwartet in unserem Leben auf und wirft Wellen. Kurz nach der Wende, Hand-in-Hand mit Tina Modotti, der revolutionären Fotografin, die ihre Kamera in die Moskwa geworfen hatte. Und dann 2002, als Selma Hayak verkleidet, sprechend, lebendig und leidend im Kino. Schließlich, im letzten Monat, auf der Pfarrkonferenz der lateinamerikanischen deutschsprachigen Gemeinden. Die fand in Mexiko-City statt und ging 9 Tage von Sonntag bis Montag. Der Besuch des Frida-Kahlo-Museums war am 7. Tag. Die Konferenz war toll und hätte andere Namen verdient, wäre da nicht dieser 7. Tag gewesen.

Der treffendste Name wäre „Volkswagen-Konferenz“ gewesen, denn VW sponserte nicht nur drei schwindelerregende Abendessen für die 40 Teilnehmer, sie zeigten uns auch ihr Werk in Puebla, das jeden Tag mehr als 2400 Autos produziert (VW Jetta). Die Hässlichkeit dieses Autos steht in einem merkwürdigen Kontrast zu der Lieblichkeit der Restaurants, die man mit ihrem Umsatz bezahlen kann.
Man hätte sie auch „Führungs-Konferenz“ nennen können, denn das offizielle Thema war „Führen und Leiten in der Gemeinde“ und wurde mithilfe eines Beraters aus Deutschland besprochen.

Aber nein, was am Ende blieb und uns am deutlichsten mit nach Guate begleitete war Frida Kahlo. Besser gesagt waren Frida Kahlo und ihr Mann Diego Rivera. Dessen riesige Wandgemälde im Präsidentenpalast konnten wir schon am 4. Tag bewundern. (Da fällt mir ein, dass wir dank des tollen Programms die Konferenz auch „Studiosus-Konferenz“ hätten nennen können.) Aber zurück zu Frida und zum 7. Tag: „Besuch des Frida-Kahlo-Museums“ stand im Programm. Ich stellte mir einen sympathisch-betonlastigen Kunsthallen-Klotz aus den 80er Jahren im Stadtzentrum vor. Stattdessen fuhr uns ein Linienbus in ein verträumtes kleines Stadtviertel mit vielen eingeschossigen Wohnhäusern. Eines davon war blau und leuchtete von weitem. Es war tatsächlich das Wohnhaus von Frida und Diego.

Nicht viele von uns hatten das Angebot wahrgenommen und auch sonst war alles ruhig im schattigen Innenhof an diesem Morgen und es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, die Hausherren würden jeden Moment aus einem Fenster schauen oder ein Glas aus einem der gelben Regale nehmen und sich gegenseitig an den Kopf werfen.
Aber ach, sie sind seit über 50 Jahren tot und ihre Bilder hängen hier auch nicht – jedenfalls nicht die bedeutendsten. Die reisen in der Welt herum und sorgen für Jahrhundertschlangen, wie etwa vorm Martin-Gropius-Bau.

Trotzdem waren sie da – in der gigantischen Küche, die so manchen marxistischen Theoretiker mitbekochen musste, in den ausgefallenen Korbsesseln, die sie wahrscheinlich nach ausgedehntem Streit ausgesucht hatten. Oder waren das einfach nur die einzigen Stühle, in den Frida bequem sitzen konnte? Und in dem Blau, das so blau war, wie unser Haus in Almería. (Und das Haus von Pablo Neruda in Santiago.)

Der kleine Museumsshop in der alten Bodega versorgte uns mit Bleistiften, Klappspiegeln und hochwertigen Drucken. Die „Frida-Kahlo-Konferenz“ geht jetzt bei uns zuhause in Guatemala noch ein bisschen weiter. Mal sehen, was in 10 Jahren los ist.

Sonntag, 1. Mai 2011

Seien wir realistisch

Ständig begegnen wir Menschen, die „hiergeblieben“ sind, obwohl sie laut Vertrag nur für wenige Jahre in Guatemala bleiben sollten. Zwei deutsche Lehrer, die ihre Doppelhaushälften in Düsseldorf verkauft haben und sich davon ein modernes Kolonialhaus in der Nähe von Antigua haben bauen lassen – von der Hängematte aus hat man zwei Vulkane im Blick, davon einen tätigen. Die Britin, die vor fünfzig Jahren als Botschaftsangehörige hierher kam, Reiseführer und Kinderbücher schreibt - und immer noch vom Gin aus dem Botschafterinnen-Kühlschrank nehmen darf.

Und Jaques. Früher hatte Jaques Guatemala öfter mal als Wirtschaftler einer amerikanischen Entwicklungshilfebank besucht. Und jedes Mal überlegte er, was er machen könnte, um ganz hierbleiben zu können. Eine seiner Ideen war kühn und wenig naheliegend: Er wollte Wein anbauen. Als seine Frau und er ein Stück Land auf halber Höhe des Agua-Vulkans in der Nähe von Antigua angeboten bekamen, brachen sie die Brücken hinter sich ab und begannen ihr Abenteuer.

Heute wollten wir sie besuchen und mussten uns erst einmal sehr fürchten. Der von Guatemala aus kürzere Weg (30 km insgesamt) war beim letztjährigen Tropensturm Agatha zu einem ausgewaschenen, nahezu unpassierbaren aber steilen Geröllwahnsinn geworden. Das war nach der Drucklegung unserer Landkarten. Nur die pure Verzweiflung ließ uns über die nächsten Felsenstückchen hoppeln. Die Nerven lagen blank. Zurück zu fahren wäre ja noch trauriger gewesen. Aber - würde es nach der nächsten Kurve überhaupt noch weitergehen? Nach einigen Telefonaten mit Álvaro, dem Küchenchef, mit dem festen Vertrauen auf unseren Hyundai Santa Fe und viel Hunger und Durst kämpften wir uns weiter bergauf. Selbst die Kinder hatten irgendwann aufgehört zu quengeln und starrten aus dem Fenster. Als wir gerade die Höhe der Wolken erreicht hatten, fanden wir den Eingang zum Chateau Defay und bald darauf den Parkplatz des kleinen Schlösschens.

Ach, was der Anblick eines echten Weinguts auslöst! Wie viele Überraschungen dieses Land doch zu bieten hat! Wir aßen italienische Antipasti und grüne Fettucini und tranken einen herrlich kalten rosa Claret. Danach folgten wir Álvaro durch die Wolken über das Gut. Mit über 30 Sorten Wein hätten sie in den letzten 10 Jahren experimentiert – 12 haben sich bewährt. „Manchmal beneiden wir die Leute, die Tomaten anbauen. Wenn es ein Problem mit den Pflanzen gibt, fragen sie den Nachbarn und der weiß Rat. Oder sie fahren runter nach Antigua und kaufen etwas dagegen.“
Im letzten Jahr hatte der Tropensturm nicht nur die Straße aus der Hauptstadt hierher zerstört sondern auch die Wurzeln der Pflanzen freigelegt. Kurz danach waren sie mit irgendetwas befallen – ein Pilz, wie sich später herausstellte. Keine Ernte im vergangenen Jahr. Doch langsam rappeln sich die Pflanzen wieder auf. Als wir an einem Moscatel-Feld vorbeilaufen, nehme ich mir ein paar Trauben. Sie sind himmlisch aromatisch und süß. Ganz genau wie Angie’s Blend, der Weißwein, den Jaques‘ Frau kreierte. 120 Quetzales kostet die Flasche, 12 €. Unser Hauswein wird das wohl nicht werden. Zwei Flaschen haben wir trotzdem mitgenommen. Und noch die halbe Claret vom Mittagessen. Und wiederkommen werden wir auch bald. Nur dann über die geteerte Straße von Antigua.

Fotos diesmal leider nur vom Mobiltelefon.

Samstag, 30. April 2011

Karfreitag in Antigua

Für eine Prozession in Antigua braucht man:

1. Sägemehl in verschiedenen Farben und Schablonen, Blumen, Kiefernnadeln, Bretter, ein Stück Straße, am besten das vor dem eigenen Haus, ca. 4 Stunden Zeit für die Vorbereitung des Teppichs, bloß keinen Regen.

2. Große Gabeln, mit denen die Kabel, die über die Straße hängen, hoch gehalten werden, damit der Strahlenkranz von Maria nicht hängenbleibt.

3. Viel Weihrauch

4. Tausend Männer, teilweise in römischen, teilweise in arabischen Gewändern, und zweihundert Frauen, in Trauerkleidung.

5. Einen römischen Streitwagen und berittene Römer

6. Einen riesigen Tisch, ca. 15 m lang und 3 m breit, mit vielen rundherum angebrachten Lampen, getragen von 60 Männern, ein nicht riesiger, aber immer noch großer Tisch, getragen von 30 Frauen. Auf dem großen Tisch ist z.B. Jesus mit dem Kreuz auf der Schulter dargestellt, auf dem Tisch der Frauen Maria als „Schmerzensmutter“.

7. Ein Generator auf Rädern, mit dem großen Tisch über Kabel verbunden, mühsam von 4 Leuten über das Kopfsteinpflaster geschoben.

8. Eine Blaskapelle, die nur mühsam aber mit ergreifender Trauermusik den Generatorwagen übertönt, bestehend u.a. aus Trompeten, Klarinetten, Trommeln und einem Paukenwagen.

9. Menschen, die verwertbare Bestandteile des zerstörten Teppichs (Blumen) aufsammeln.

10. Der „Tren de Limpieza“, bestehend aus Männern mit Schaufeln (die die Reste des Teppichs zusammenschieben), einem Lastwagen, weiteren Männern mit Schaufeln und Besen, die die zusammengeschobenen Reste in die Schaufel eines darauf folgenden Baggers schaufeln, einem weiteren Lastwagen für die letzten Reste.

Fotoserie: Vom Aufbau eines Teppichs bis zum Reinigungszug

Montag, 4. April 2011

Vulkaninhalt im Garten

Wenn Laurenz auf dem Rasen spielen will, zieht er sich Schuhe an. Freiwillig. Wer sich hinkniet, steht mit kleinen Steinchen in den Knien wieder auf. Vor knapp einem Jahr, einen Tag nach Markus‘ 43. Geburtstag, ist der Vulkan Pacaya ausgebrochen, es gab eine fürchterliche Eruption, Staub, Sand und Steine wurden 1,5 km hoch in die Luft geschleudert. Nach fünf Tagen regnete der Vulkaninhalt auf Guatemala-Stadt herab und bedeckte alles, was draußen war, mit einer dicken, dunklen Schicht. Seitdem ist Ruhe. Vergangenen Samstag sind wir früh aufgestanden und haben unsere Wanderschuhe angezogen um uns den Pacaya mal aus der Nähe anzuschauen. Er ist der „Hausvulkan“ von Guatemala-Stadt, ungefähr 25 km sind es von unserer Tür bis zu seinem Fuß. Dort lädt man sich einen Führer ins Auto, denn alleine darf man nicht mehr hinauf. Es war ein ungewöhnlich frischer Morgen, tiefe Wolken zogen über uns hinweg.

Als wir ein paar hundert Meter höher auf dem Parkplatz hielten, stürzten sich 15 Pferde und 15 Pferdehalter auf uns. Wir waren die ersten Wanderer an diesem Morgen. Für den ersten Teil des Weges teilten wir uns zwei Pferde. Mit dem Führer, der einen merkwürdigen, baumartigen Wanderstab hatte, den Pferdehaltern und unserem Freund waren wir wie eine kleine Bergsteiger-Karawane. Irgendwann wurde das Geröll zu stark und der Weg zu schmal, so dass wir abstiegen, die Pferde auf uns warten ließen und den Rest zu Fuß gingen. Man merkte den Führern an, welchen Eindruck der Ausbruch bei ihnen hinterlassen hatte. Ständig verwiesen sie auf Ehemaliges: „Hier war mal ein Tal“, „Früher konnten wir hier lang gehen“.

Je näher wir dem Gipfelbereich kamen (ganz nach oben darf man nicht mehr), desto öfter bliesen einen warme Winde aus kleinen Löchern im Boden an. Der nahe Gipfel zeigte sich immer nur kurz. Auch der sah wohl vor einem Jahr noch ganz anders aus. Schließlich gelangten wir zu einer großen Felsspalte, über der die Luft nur so flirrte. Der Führer nahm seinen komischen Wanderstock und begann, die trockenen Ästchen mit Marshmallows zu bestücken. Den Kindern blieb der Mund offen stehen. Er hielt den Stock ein paar Sekunden über die Felsspalte und sie waren gegrillt.

Hundert Meter weiter bergauf war durch die Eruption eine große Höhle entstanden, die ungefähr 80 °C heiß war, die Endstation unserer Wanderung. „La Sauna“ – und das war sie auch. Eine perfekte Natursauna. Ach, hätten wir hier ein paar Stunden alleine hier in den Wolken bleiben können!

Von dem Staub und dem Sand des Ausbruchs ist in der Stadt natürlich nichts mehr zu spüren. Die Regenzeit hat alles weggespült – bis auf die kleinen Steinchen im Rasen. Und darauf kann man ja auch eine Decke legen.